Totalitäre Welt

Überall unterdrücken Machthaber immer stärker ihr Volk. In unterschiedlichen Ausprägungen, aber unübersehbar. Erst gebären sie sich als ersehnter Erlöser und Menschenfreund, um nach erfolgreicher Wahl die hinterm Rücken versteckten Knüppel hervorzuholen. Mit Knechtschaft und einseitigen Umverteilungen überziehen sie ihr Land, nur gefeiert von den unterwürfigen Anhängern, die hoffen von den Vorteilen zu profitieren. Doch wer Gewalt sät, erntet Gewalt. Gewissenlos treibt das Unwesen Aggressivität seine hässlichen Klauen in die Gesellschaft und weidet sich am angerichteten Schaden. Warum?

Es einfach als Machtgeilheit abtun, wird den Entwicklungen nicht mehr gerecht. Vielmehr driften Fortschritt und Verhalten auseinander. Je hochtechnisierter ersteres wird, umso primitiver wird letzteres. Längst überwunden geglaubte Instinkte drängeln sich aus den Tiefen unserer Evolution bis zur ersten Reihe vor. Mühsam aufgebaute Werte und Umgangsweisen, die ihrem Ursprung nach als menschlich bezeichnet wurden, werden gnadenlos verjagt.

Gerade jetzt, wo Rufe nach mehr Gleichheit und Fürsorge lauter werden, scheinen diese bei anders denkenden Verlustängste anzustacheln. Können Verlust und Angst für sich allein schon emotional herausfordernd sein, kippt ihre Verbindung schnell ins Unerträgliche. Reflexartig werden Gegenmaßnahmen aktiviert. Jeder Besitz muss mit allen Mitteln verteidigt werden. Rechtmäßigkeit steht dabei nicht zur Debatte, weil uns, unserem Anspruch nach, stets alles für unser Wohlergehen zusteht. Wer dies bedroht, wird bekämpft. Selbst wenn es der Nachbar ist, mit dem man immer gut ausgekommen ist. Beim Kampf um die Pfründe gibt es keine Freunde, nur Feinde.

Weltweit fallende Schranken missfallen den Mächtigen zusehends. Erst zwingen sie uns die Globalisierung auf und stellen jetzt überrascht fest, welch harten Bandagen hier im Einsatz sind und das die eigenen Spieler vermehrt ins Hintertreffen geraten. Im Krieg der Profite werden keine Gefangenen gemacht, sondern vernichtet, was sich in den Weg stellt. Wie sich die Kräfte auf der Welt verteilen, ist leicht auszumachen. Doch statt nach fortschrittlichen Lösungen zu suchen, wird niederen Instinkten nachgegeben und die Krallen ausgefahren.

Gegen diese Aktivierung ist nur gefeit, wer sich als Gegner positioniert. Wer für eine offene und friedliche Welt eintritt, ist ein ausgemachter Feind. Wer darüber hinaus an zukünftige Generationen denkt und entsprechend umsichtig handelt, also die eigene Vorteilsnahme verrät, muss mit ernsthaften Komplikationen für sein Leben zu rechnen. Je mehr sich weltoffene Menschen bemerkbar machen, desto nervöser wird die Gegenseite und verstärkt ihre Verteidigungsmaßnahmen. Während erstere sich um alle sorgen, kümmert letztere nur sich selbst.

Wie leicht vermeintlich bequeme Strukturen entfacht werden, zeigt sich in der jetzt schon bestehenden Überzahl. Regierungsfürsten brauchen keine komplizierten Ansprüche mehr formulieren, sondern nur die richtigen Knöpfe drücken. Diskriminieren, beherrschen, unterdrücken und abgrenzen sind eine schlichte Sprache, die jeder versteht. Natürlich ist dabei stets nur eine Sichtweise gemeint: von einem selbst aus – für mich alles, für die anderen nichts. Das gilt auch untereinander, weshalb sich allerorten die Menschen entzweien.

Global wurde ein gefährlicher Kurs eingeschlagen, dessen Auswirkungen unmissverständliche Anzeichen vor sich herschiebt. Fasziniert jagen wir technische Entwicklungen von Höhepunkt zu Höhepunkt, ohne die unterschwellige Gefahr zu begreifen. Arrogant halten wir am Dogma fest, alles beherrschen zu können. Unvermindert lassen wir uns die Maxime diktieren, Wirtschaft muss unbegrenzt wachsen, ohne dies zu hinterfragen. Offenkundigen Unwahrheiten wird geglaubt, wenn sie die zuvor eingeredeten Bedrohungen stützen.

Diktatur und Sklaverei sind auf dem Vormarsch, auch wenn sorgsam vermieden wird, diese so zu bezeichnen. Es geht nur noch darum, auf der vermeintlich richtigen Seite zu stehen.

Die politischen Mächtigen schüren diesen Verteilungskampf, einzig darauf bedacht nicht unter die eigenen Räder zu geraten. Damit sie nicht untergehen, wetzen sie ihre Messer. Weil sie sich natürlich nicht selbst die Hände dreckig machen, hetzen sie ihr Volk auf und streuen zerstörerischen Hass über sie. Form und Dosierung sind dabei völlig egal, Hauptsache es zeigt Wirkung.

Der Erfolg dieser Entwicklung liegt im Erfolg seiner Ursache: Friedlicher Wohlstand frisst seine Kinder. Der Mensch ist mit der selbst geschaffenen Komplexität überfordert und sehnt sich nach vereinfachten Strukturen. Von ihm selbst angezettelt, wird er Opfer der eigenen Heiligkeit. Jedoch übersteigen die Zusammenhänge alle, denen eigenes Denken inzwischen über den Kopf gewachsen ist. Gewalt gründet sich dann aus dem Frust, mit den eigenen, inneren Konflikten nicht umgehen zu können.

Die schlichte Tatsache, dass wir alle Menschen gleich und unsere grundlegenden Bedürfnisse identisch sind, macht totalitäre Herrschaftsgelüste unmöglich und wird daher erfolgreich ausgetrieben.

Die größte Gefahr verbirgt sich im aufgenommenen Schwung, der sich aus den erzeugten Reibungen nährt. Diesen zu stoppen wird zunehmend aussichtsloser. Konstruktive Gegenbewegungen, wie zum Beispiel #FridaysForFuture, vertiefen unbeabsichtigt die Gräben. Die dafür notwendigen Veränderungen übersteigen die Vorstellungskräfte verwurzelter und verhärteten Ideologien. Eine Umsetzung würde die Hölle bedeuten, was deshalb mit allen Mitteln verhindert wird. Würde auch die eigenen Kleingeistigkeit bestritten werden, fehlt es dafür bereits am Erkenntnisvermögen.

Was in den stattfindenden Prozessen nur schwer auszumachen ist, sind die Schwachstellen die mit der umfassendsten Macht: Politiker*innen. Sie haben durch Schlammschlachten gegen ihresgleichen jeglichen Hemmschwellen den Garaus gemacht und einen rüden Umgang miteinander etabliert. Gerade deswegen finden populistische Schreihälse am meisten Gehör. Auf absurde Weise nährt es ein Paradoxon: den Ruf nach einer starken Führungshand.

Lösungen lägen offen auf der Hand, besinne man sich der innewohnenden Vernunft, anstelle sich diese stehlen zu lassen. Jedoch schwingt sich Töten zur ultimativen Befriedigung, zum maximalen Reiz, als Gipfel der Macht auf, womit unsere Besonderheit nichts weiter als eine Lüge, eine Selbsttäuschung ist: Menschlichkeit.

Vermutlich wird Evolution es richten. Dass diese von schmerzhaften Lehren begleitet ist, gehört womöglich unlösbar zusammen.

Wir können anders. Bedauerlicherweise haben wir die Reife dafür noch nicht erreicht.


Mut Förder*innen sind stets willkommen.